Diese(r) Blog(-Rubrik) ist im Stile alter klassischer Punk-Egozines (Ego-Fanzines) gestaltet. Sprich es geht hier primär um das (Er)Leben der jeweils schreibenden Person und das kann manchmal sehr weit über den vorgeschobenen Aufhänger (das Spiel) des Berichtes hinaus gehen. Wir haben weder den Fokus auf (Vollständigkeit) fanspezifische(r) Themen und erst Recht nicht auf das sportliche Geschehen. Für beides sehen wir andere digitale und physische Publikationen für geeigneter an und auch nicht alles was uns durch die Hirse geht und/oder geschieht, muss hier auch rein. Es ist also alles sehr persönlich und geht häufig über den Spieltag hinaus. In diesem Sinne: Enjoy oder auch nicht.

Vorgeplänkel

Anfang der Woche habe ich tatsächlich versucht meine Karte via stabiler Kanäle zum Verkauf anzubieten. Angesichts der Psyche gerade unvollstellbar nach Darmstadt zu fahren. Zwei Tage später habe ich das Angebot wieder gelöscht und jetzt ist Donnerstag und ich weiß nicht, aber nu is eh zu spät. 

Darmstadt: Spätestens nach meinem letzten Besuch dort, wo wir als Tabellenvierter und Partycrasher am 31. Spieltag durch einen unerwarteten 3:0 Auswärtssieg, welcher für Darmstadt zugleich die erste Heimniederlage bedeutete, den Aufstieg der Lilien kurzzeitig verschoben haben, ist der SVD98 mein zweitliebster Zweitligaverein. Wenn wir gerade in irgendeiner anderen Liga sind (und sie nicht) sogar mein liebster. Nicht wegen des Ergebnisses - ich hätte ihnen den Aufstieg schon damals von Herzen gegönnt - nur hatten wir halt noch dieses bisschen Restchance und Aufstiegshoffnung, was sich am Ende jedoch als Utopie herausstellte. Und natürlich ist und bleibt ungeachtet jeder Tabellensituationen, der FC St. Pauli so oder so die einzige Möglichkeit.

Der Grund für diese Sympathie ist ein anderer: Soweit ich mich bis in die 90er Jahre zurück erinnere, stand die Darmstädter*innen-Fanszene schon damals für eine klar antifaschistische Haltung. Ich habe da so ganz schwach Duelle mit Offenbach, die genau in die andere Richtung gingen, im Kopf. 

Das spürte mensch jedenfalls auch, als wir im Mai 2023 zu Gast waren. Es ist einfach viel schöner seine Fan-Identität in den Straßen nicht verstecken zu müssen, wenn mensch nicht gerade Wert darauf legt, an der nächsten Ecke abgezogen zu werden.

Matchday

Ich habe mir so ein bisschen zur Angewohntheit gemacht - sofern es die Zeit zulässt - jüdische Einrichtungen, Mahnmale etc. vor den Spielen aufzusuchen. Das erdet trotz aller Ernsthaftigkeit ungemein und natürlich tue ich das auch aus Interesse und Verantwortungsbewusstsein. Auf dem Weg zum Stadion befindet sich ein kleiner, jüdischer Friedhof, der mir trotz der damit verbundenen negativen Gefühle auch ein wenig Ruhe verschafft, die ich zwischendurch so bitter benötige.

friedhof

Denn am Stadion erwartet mich bereits der erste Trigger für meine verhasste Psyche. Unmittelbar vor mir sind überraschend früh die ersten Shuttlebusse angekommen, so dass sich am Ende des schmalen Waldweges, vor dem geschlossenen Tor zum Gäst*inneneingangs-Vorplatz, bereits geschätzte 200 Leute befinden. Meine Neurodivergenz kann das gar nicht ab, gleich irgendwo mitten in der Schlange zu stehen, nicht vor und nicht zurück zu können, überall Gesprächsfetzen mitzubekommen, die allesamt gleichlaut in mein Hirn eindringen und auf die Panikattacke zu warten. Also verabschiede ich mich einstweilen von meinem Umfeld, dränge mich durch das Waldstück nach vorne vorbei, wo tatsächlich kurz danach das Tor aufgemacht wird. Und das nur, um mitanzusehen, wie der ganze Pulk direkt wieder durch einen Nebendurchgang in Richtung Wald verschwindet, so dass sich am Ende zunächst doch nur selbst für mich unproblematische 30 Leute aufhalten und ich in aller Seelenruhe Richtung Eingang gehen kann.

eingangguests

Drinnen erstmal den Fanclub-Lappen aufgehängt und gefreut, wieder am Bölle zu sein. In diesem Schmuckstück mit echten Flutlichtmasten, das mit 17.810 Zuschauer*innen heute ausverkauft sein wird. Auch wenn es gegenüber auf der Haupttribüne später nicht wirklich so aussieht.

dasganzestadion

Ich bin ja der Typ, der eine bunte Kurve mit vielen Fahnen und super Stimmung mag, dabei natürlich mitsupportet und gleichzeitig freie Sicht aufs Spielfeld hat, haha. Diese Eier legenden Wohlmilchsau-vegane Alternative kann es natürlich nicht geben und so bin ich begeistert, wie sehr der Wunsch nach den erstgenannten Aspekten erfüllt wird. Der Preis dafür ist natürlich - und das geht ja auch gar nicht anders - dass letztgenannte Vorliebe zu ca. 70% nicht erfüllt wird (was laut Bezugsgruppe im weniger Sichteingeschränkten Block Y angesichts der Darbietung auch kein Grund zur Gram sein sollte).

fahne

Immerhin kriege ich zwei Szenen mit, die außerhalb meiner Stadionsicht möglicherweise ganz anders bewertet werden: Zum einen die gelbe Karte gegen Abdoulie, die mich ein wenig ratlos hinterlässt: Zum einen hätte ich mich über Rot auch nicht gewundert (wie gesagt: möglicherweise Sicht(winkel)bedingt). Zum anderen verstehe ich nicht wirklich warum es am Ende Freistoß für die Lilien gab, da der Darmstädter für das vorherige Halten ebenfalls Gelb bekommen hat.

Die zweite Situation war eine Auseinandersetzung zwischen dem früh verwarnten Arkadiusz und seinem Gegenspieler, bei dem ich vermute, dass der Schiri nur deswegen nicht beiden Akteuren Gelb gezeigt hat, weil es für Pyrka das vorzeitige Spielende bedeutet hätte.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Stimmen, die die Kartenvergabe über den gesamten Spielverlauf eher als zu einseitig zu unseren Ungunsten gesehen haben. Ich erinnere an dieser Stelle noch einmal an meine 30%-Sicht, die sich auf einen Teil der linken Spielhälfte beschränkte und entziehe mich an dieser Stelle der verantwortlichen Beurteilung. Beide Spieler wurden jedenfalls - vielleicht auch wegen Gelb-Rot-Gefahr - zusammen mit Mathias Rasmussen in der Halbzeit ausgewechselt. Sollen sich doch Tim und Mike darüber streiten, wie das mit dem Schiri nun wirklich war. Vielleicht schon am Montag in der "Lage am Millerntor" nachzulesen. Vielleicht in Teilen auch schon beim (derzeit noch nicht veröffentlichten) Spielbericht. Vielleicht aber auch gar nicht.

Und auf den Rängen? Da war auch neben der fantastischen Stimmung einiges los. Zum einen die Choreo zum 10jährigen Bestehen der Darmstädter Ultragruppe Row Seven (inklusive Feuerwerk hinter der Südtribüne):

choreo2

Zum anderen die gefühlt ununterbrochenen Spruchbänder gegen Polizeigewalt, nachdem die Darmstädter*innen bei ihrem Auswärtsspiel in Karlsruhe von Schickanen und Gewalt überhäuft wurden. Keine Frage, dass unsere Solidarität allen Opfern und Betroffenen gilt. Der "scheiß Polizei"-Wechselgesang zwischen der Darmstädter Süd und unserem Block auf der Gegengerade bestätigte das eindrucksvoll (es gab auch noch eine größere Tapetenbahn bei uns im X2-Stehsitzer, möglicherweise zu dem Thema, ich konnte es aber nicht lesen). Btw: Ich war überrascht, wie viele Cop-Wannen den ganzen Tag unnötig durch die Straßen fuhren. 

poli0

Auch sonst ging es erwartungsvoll harmonisch zwischen den beiden Fanlagern zu. Ich meinte zunächst sogar, dass es 15 Minuten vor dem Spiel zu einem "Ess Vau Deeheeee" und "Sankt Paulihiiiii"-Wechselgesang kam, aber meine Ohren sind halt auch trotz Höris noch schlecht und ich habe zumindest hier oben in X2 niemanden intonieren sehen/hören. Später hat sich dann die Vermutung bestätigt, dass es doch "nur" reine "Ess Vau Deeheeee"-Wechselgesänge zwischen der Süd und dem Darmstädter GG-Teil waren. Anyway: Selbst beim Einlaufen der Lilien gab es gefühlt nur 2 Pfiffe auf unserer Seite, die zwar 2 zu viel sind, aber. Dafür viel warmes Licht über das gesamte Spiel verteilt:

pyrofc1

Was mir sonst noch aufgefallen ist: Vor unserem unten-Steher-oben-"Sitzer"-Doppelblock" X1/X2 befindet sich kein Fangnetz, was gerade angesichts der Tatsache, dass dort auch der Schiri-Assistent auf und ab flitzt, auch deswegen erstaunlich ist, weil ein solches Netz vor dem kleinen Gäst*innen-Sitzer Block Y gespannt war. Möglicherweise weil darunter der Bereich schon wieder ein Heimblock ist. Mensch kann die Blockverhältnisse hier ganz gut erkennen: Oben rechts, mit den Plexiglasscheiben ist besagter Block Y, links unten ist X1 und darüber X2.

Mit dem Schlusspfiff überkommt uns die bittersüße Erkenntnis, dass wir auch nach 5 Auswärtsspielen noch ohne Niederlage sind. Und ohne Sieg. Die Gefühlslage enstprechend mal wieder wie away gewohnt: Weit weg von Euphorie und bitterer Enttäuschung. 

Verabschiedung und dann ab durch die Helloween-kompatible abendliche Spooky-Kulisse. Ich bin mal wieder komplett durch und merke auch am nächsten Morgen direkt, wie die paar Stunden Schlaf den tiefenentladenen Akku nicht einmal aus dem roten Bereich rausheben konnten. Um 6 Uhr trete ich tatsächlich schon die Rückfahrt an, weil trotz aller Erschöpftheit auch der Schlaf nicht besser und nicht mehr wird und freue mich auf 2 Tage Sofa.

ruckweg

Hier gibt es für mindestens die nächsten beiden Spiele eine kleine Auszeit. Bis dahin: Gute Nacht!

delis1

mast

pol1

pol2

pol3

pol4

rappNur die wenigsten wissen, dass unser Trainer sich längst ein zweites Standbein aufgebaut hat.

suedleer

katze

sticki2

stickis

sticki3pommes